Wer sich fragt, wo Jeruville liegt, findet, was die Realität angeht, heute keine Antwort mehr und muss sich mit der virtuellen des Internets begnügen. Zu Nicht-Spielzeiten in einem Kreis angeordnete seelenlose Container bildeten bei den Vorstellungen durch das Öffnen der Türen eine geschlossene Stadt, die Schauplatz für fast alles war, was Jugendliche heute bewegt, eine Stadt auf dem Vorplatz des Düsseldorfer Schauspielhauses.
Jeruville leitet sich aus Silben von Jerusalem und Dogville ab, einem Lars-von-Trier-Film, und verweist so stellvertretend auf die Härten des Lebens, die sich durch das Aufeinandertreffen verschiedener Religionen und Kulturen ergeben. Jeruville bildet das auch in der Zusammensetzung seiner Bewohner ab.
Der Zuschauer bzw. Besucher der Stadt begegnete im Chillosphen, seinem Adjutanten, dem Chillmaster, dem Geldbaumforscher, dem "Ich spür nix!"-Mädchen, den Zombies, dem "Es ist verboten"-Mädchen u.v.a. den verkörperten Themen, die sich die über 30 Kinder und Jugendlichen in einem halben Jahr unter der Regie von Petra Lammers erarbeitet hatten. Entweder bewegten sie sich in der Stadt zwischen den Besuchern oder präsentierten ihr Thema in und auf den Containern mit entsprechenden Namen wie Chillraum, Traumraum, Kriegsraum, Vor-Spiel- mit dahinter plaziertem Pornraum. In Szenenblöcke aufgeteilt wurde zeitgleich an mehreren Orten gespielt.
Die Intensität, mit der die Kinder und Jugendlichen ihre Themen darboten, war beeindruckend. Die räumlich bedingte Distanz des Schauspielhauses führte dazu, dass man sich ihr nicht entziehen konnte. Wer am "falschen" Ort stand, wurde nass, wer nackte Beine hatte, fühlte plötzlich die Hand eines Zombies, wer dem "Es ist verboten!"-Mädchen zuhörte, hatte den Impuls weitere Verbote zu provozieren. Als die heute üblichen Schimpfkanonaden sich um die Ohren gehauen wurden, hörte ich neben mir eine Mutter sagen, wenn ich unsere sowas sagen höre, gibt's n paar hinter die Löffel.
Selbst bei den tänzerischen Zwischenspielen sowie den Raps hatte man den Eindruck, dass hier die Akteure federführend waren. Lediglich Begriffe wie Hyperkultur oder Entgrenzung wirkten theatralisch aufgesetzt, was aber witzigerweise von einem Jugendlichen auch verarbeitet wurde.
Die Events vor dem Düsseldorfer Schauspiel sind etwas Besonderes, so auch Jeruville. Schade für die, die Jeruville verpasst haben. Aber vielleicht gibt's ja irgendwann mal eine Neuauflage.